no time
Die normale Woche einer Studierenden an den meisten europäischen Hochschulen beginnt Montag um 8 Uhr und endet Freitag um 16 Uhr. Durch die Modulstruktur bedingt, ist der Stundenplan in vielen Studiengängen nicht mehr, wie es im Diplom oder Magisterstudiengang zumindest möglich war, durch die Studierenden selbst zusammengestellt. Dadurch lässt sich der restliche Wochenalltag nur noch schwer sinnvoll gestalten. Vielmehr müssen in jedem Semester, je nach Studiengang und -fach, verschiedene Module belegt und mit einem bestimmten Stunden- und Leistungsumfang bewältigt werden. Diese Module werden von dem jeweiligen Fachbereich nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten angeboten. Dies hat zur Folge, dass man nicht mehr, wenn man zu einem bestimmten Termin nicht kann (weil man bspw. einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen muss), ohne weiteres denselben Schein in einem gleichwertigen Seminar an einem anderen Termin erwerben kann.
Wer früher in den alten Magister- oder Diplom-Studiengängen eingeschrieben war und sich kein Zimmer leisten konnte, hatte immerhin die Möglichkeit sich seinen Stundenplan so zu legen, dass das nötige Geld mit einem Nebenjob erarbeitet werden konnte. Es entstand dabei zwar immer auch der Nachteil, dass der eigene Lebenslauf nicht so schön aussah wie bei anderen Studierenden, z.B. mit Stipendium oder reichen Eltern und vielleicht sogar die Noten unter der Doppelbelastung litten, es aber immerhin in der Regel irgendwie geschafft wurde durchzukommen. Mit den verkürzten Studienzeiten, zunehmenden Einschränkungen der Möglichkeit eines Teilzeitstudiums, dem Wust an prüfungsrelevanten Leistungen sowie Anwesenheitspflichten entstand aber in den letzten Jahren ein Studienalltag, der es für immer mehr Studierende immer schwieriger machte sich über Lohnarbeit zu finanzieren. Das macht das Studium für Studierende aus vergleichsweise ärmeren Familien zu einer größeren finanziellen Belastung, sodass jetzt vermehrt Studienkredite erforderlich werden – wobei die Studierenden mit BAföG allein in einer der teuersten Städte Deutschlands schon in der Vergangenheit nicht zurechtkamen.
Man kann sich aber auch anstellen…
Zum strukturellen Zwang des Alltags, der durch die Module entsteht, kommt hinzu, dass die Anforderungen an die „selbständige“ Arbeit der Studierenden gleich geblieben oder sogar im Umfang (z.B. der Texte, die für das nächste Seminar vorbereitet werden müssen) gestiegen sind. Der Druck wird nochmals erhöht durch die Regelung, die diejeniegen, die den Anforderungen bis zum einem bestimmten Semester nicht nachkommen, in einigen Studiengängen durch Zwangsexmatrikulation bedroht sind. Dieser Verpflichtung zur Fehlerlosigkeit, wie sie auch durch die Abhängigkeit der Bachelornote von jeder erworbenen Scheinnote vorangetrieben wird, und dem fehlenden interessengeleiteten Ausgleich durch frei gestaltbare Zeit trägt zum Beispiel der durch eine Studie der IGES1 belegte Anstieg psychischer Erkrankungen (vor allem Depressionen) bei Studierenden Rechnung. Die Behandlung durch Psychopharmaka ist laut dieser Studie seit 2006 (Anfang des Bologna-Prozesses) um 40 % gestiegen. Es kann allerdings auch daran liegen, dass die Dunkelziffer derer, die unter der Zurichtung durch ihr Studium so stark leiden, gesunken ist, weil sich wahrscheinlicher professionelle Hilfe gesucht wird. Nach wie vor gibt es allerdings starke Ressentiments und Ängste bezüglich therapeutischer Hilfe , vor allem bei jungen Erwachsenen. Die strukturelle Verschlechterung der Situation ist allerdings nicht nur auf Seiten der Studierenden zu verzeichnen; auch bei den Angestellten der Universität steigt der Konkurrenz- und Leistungsdruck. Diesen sichtbar zu machen wollen wir den Angestellten allerdings selber überlassen und rufen hiermit auch dazu auf.
Der Zusammenhang der beschriebenen Prozesse mit der Wohn- und Mietsituation liegt auf der Hand. Bei einem BAföG-höchstsatz von 670 Euro und der Mietsteigerung der letzten Jahre ist, sofern man als Student_in keine große Unterstützung durch Familie oder Verwandte zu erwarten hat, Lohnarbeit fast unumgänglich. Gleichzeitig scheint, wie oben angedeutet, dies in den Alltag von BA/MA-Studierenden kaum integrierbar. Die Unterstützung der Universität, z.B. durch Wohnheimplätze ist hier nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Schon einen Monat vor Semesterbeginn bewarben sich laut Studentenwerk auf jeden Wohnheimplatz im Schnitt 40 Bewerber_innen. Diese Situation beschreibt mehr wissend als ahnend DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde schon 2010 mit dem trockenen Statement für das nächste Jahr. „Bundesweit benötigen wir 20.000 Wohnheimplätze zusätzlich. Gerade in teuren Städten wie Frankfurt am Main ist preisgünstiger Wohnraum für Studierende knapp. Damit Studieren gelingt, brauchen wir nicht nur ausreichend Studienplätze, sondern auch eine gute soziale Infrastruktur.“. Die durchgeführten und unterstützten Gegenmaßnahmen der Stadt für ärmere Studierende hingegen nehmen fast den Charakter von 1-Euro-jobs an. So wird vorgeschlagen doch einfach bei einer hilfebedürftigen Person, die ein freies Zimmer zur Verfügung stellt, eine Stunde pro Quadratmeter in der Woche Hausarbeiten und ähnliches zu übernehmen. Klingt zwar sinnvoll, faktisch werden damit aber ärmere Studierende in eine Situation manövriert, durch die sie zum Pflichtersatz für den Zivildienst aller gemacht werden und eine der vielen Stützen beim ungestörten Zerfall des Sozialstaates bilden.
could you find a little room inside for me
Wohnungsnot und damit zusammenhängend hohe Mieten sind in Frankfurt (und anderen Städten) nicht neu. Die Auseinandersetzungen um fehlenden Wohnraum begleiten die Geschichte Frankfurts schon das ganze letzte Jahrhundert, haben sich jedoch in jüngster Zeit noch deutlich verschärft.
Schon in den vergangenen Jahren wurde vielen Studierenden die WGs gründen wollten oder WG-Zimmer suchten vor Augen geführt, was es heißt in Frankfurt Wohnraum zu suchen: Wer ein Zimmer oder eine Wohnung suchte, stand mit unzähligen Mitbewerber_innen den Eigentümer_innen gegenüber. Das mußte sogar noch als Erfolg gewertet werden, denn in den meisten Fällen gab es gar keinen Besichtigungstermin. Nicht nur, dass die Wohnungssuche für viele eine deprimierende und beinahe aussichtslose Situation bedeutet, es zeigt sich auch, dass diese frustrierende Situation von Vermieter_innenn gerne ausgenutzt wird. Wer die drei Monatsmieten Kaution den Vermieter_innen nicht schon in bar beim ersten Termin zeigen kann, hat schlechte Karten. Und wer glaubt, dass es wenigstens in den als relativ günstig geltenden Stadtteilen bezahlbaren Wohnraum gibt, wird umso mehr enttäuscht. Bezahlbarer Wohnraum wurde in den letzten Jahren immer knapper und gleichzeitig stieg die Zahl derjenigen, die sich nur günstigen Wohnraum leisten können.
Aus Sicht von Studierenden sind die hohen Mieten nicht alleine der Grund dafür, dass das alltägliche Leben – Essen, Trinken, Rechnungen zahlen oder gar die Teilhabe an gesellschaftlichem Leben in Frankfurt – in den letzten Jahren deutlich schwerer wurde. Die hohen Mieten sind aber die Folge einer bestimmten Stadtpolitik und damit hätten sie auch vermieden werden können. Stattdessen zeigt sich leider in diesem Semester, dass die Entwicklung der Wohnungssituation in Frankfurt heute an einem unerträglichen Punkt angelangt ist.
Wer sich als Studierender wundert, weshalb es in Frankfurt so schwierig ist eine Wohnung zu finden, kann sich eigentlich glücklich schätzen, dass es überhaupt Wohnungsangebote gibt. Wenn nämlich dem Mietspiegel der Stadt Frankfurt geglaubt werden sollte, dürfte es eigentlich gar keine freien Wohnungen geben. Zwischen 2005 und 2009 wurden in Frankfurt 28.000 mehr Stadtbewohner_innen registriert. Die Zahl der neu entstandenen Wohnungen stieg in diesem Zeitraum aber lediglich um 9.000. Obwohl im Koalitionsvertrag von Schwarz-Grün aus dem Jahre 2006 ein stabiler und „allen Bevölkerungsschichten zugänglicher“ (Koalitionsvertrag CDU + DIE GRÜNEN 2006 -2011 Frankfurt am Main) Wohnungsmarkt als Ziel vorgegeben wurde, wurde de facto eine Politik vorangetrieben, die vor allem die Ausgrenzung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen bedeutete.
Am besten schneidet die Stadt Frankfurt seit Jahrzehnten in der Leerstandsquote ab. Rekordmeisterlich liegt diese für Gewerbeflächen in Frankfurt bei 17 % (zweitplatzierte Stadt ist Düsseldorf mit 10 %). Während trotzdem kräftig weiter in neue Gewerbefläche investiert wurde, wie beispielsweise die MyZeil-Bürotürme und das Europaviertel, wird die Situation auf dem Wohnungsmarkt seit Jahren schlechter. Zwar wurde sich von der Stadt offiziell bemüht den Umbau von Gewerbeflächen zu Wohnflächen zu fördern. Diese Bemühungen sind aber leider nur dann hilfreich, wenn sie tatsächliche Auswirkungen haben. Der Mietspiegel 2011 zeigt jedoch, dass die ohnehin schon traurig geringe Zahl der Gewerbeumwandlungen in den letzten Jahren um 40 % gesunken ist. Im Jahr 2008 wurden 527 Gewerbeumwandlungen durchgeführt, im Jahr 2009 waren es nur noch 313 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor(Wohnungsmarktbericht 2010).
Wie sich die fehlende Initiative der Stadt für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen als Ausgrenzung prekär Lebender sowie von Menschen ohne deutschen Pass darstellt, lässt sich an der Struktur der registrierten Wohnungssuchenden erkennen. Mehr als die Hälfte sind Empfänger_innen von Transferleistungen und 41 % haben keine deutsche Staatsangehörigkeit(ebd., S.42). Gleichzeitig hat die Stadt Frankfurt unter Schwarz-Grün in den letzten zehn Jahren den Bestand an Sozialwohnungen kräftig abgebaut. Waren es im Jahr 2000 noch über 41.000 Sozialwohnungen, die die Stadt zur Verfügung stellte, wurde der Bestand kontinuierlich auf 33.000 Sozialwohnungen im Jahr 2009 reduziert. Demgegenüber stieg von 2003 bis 2009 die Zahl der Empfänger_innen von Sozialleistungen um 25.000. Obwohl der Bedarf an Sozialwohnungen also deutlich anstieg, wurde der verfügbare Bestand anhaltend abgebaut.
Deutlich wird nach einer Vergegenwärtigung dieser Zahlen, warum sich die Konkurrenz um günstigen Wohnraum in Frankfurt dramatisch erhöht hat. Es hat sich eine Stadtpolitik etabliert, die gezielt ausgrenzt und soziale Segregation vorantreibt: Der neu entstandene Wohnraum im Stadtbereich der letzten Jahre konzentriert sich weitestgehend auf Luxusappartements, wie im Westhafen oder bald auch im Osthafen. Bezahlbaren Wohnraum zu finden ist wohl für andere prekär Lebende nicht weniger kompliziert als für Studierende. Denn es ist gängige Praxis, dass Vermieter_innen gerne Studierende beispielsweise Empfänger_innen von Transferleistungen als Mieter_innen vorziehen, weil Studierende in der Regel nach ein paar Jahren wieder ausziehen und so die Miete den neuen Begebenheiten angepasst werden kann.
Studierendenzahl
All dem entgegen freut sich die Universitätsleitung über die hohe Zahl eingeschriebener Studierender und die Mittel vom Land, die ihr für jede_n neu eingeschriebene_n Student_in überwiesen werden. Längst wurde die Universität von der Leitung zu einer Massenuni gemacht, ohne aber gleichzeitig für einen Aufbau adäquater Infrastruktur zu sorgen die die Masse beherbergen kann.
Zu diesen Versäumnissen kommen in diesem und in den folgenden Semestern zwei bundesweiten Faktoren hinzu. Zum einen werden infolge der verkürzten Abiturphase in vielen Bundesländern doppelt so viele Schüler_innen mit einer Hochschulreife aus der Schule entlassen. Zum anderen sorgt der Wegfall der Wehrplicht für eine noch größere Zahl an Erstsemester_innen. Dies bedeutet, dass alleine in diesem Semester mindestens 2000 Studierende mehr an der Frankfurter Uni studieren und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Frankfurt leben möchten als noch vor einem halben Jahr. Ein anderer Vergleich: Im Wintersemester 2007/2008 studierten an der Goethe Universität 32.851 Studierende, im Wintersemester 2011/2012 sind es bereits 41.443 (Stand September 2011). So studieren heute fast 9000 Studierende mehr als noch vor vier Jahren an der Frankfurter Uni. Diese konkurrieren um den begrenzten günstigen Wohnraum und die begrenzt verfügbaren Nebenjobs.
Keine Kohle, keine Wohnung, keine Freizeit
Ein Blick auf die Teuerungsraten in bestimmten Segmenten der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Inflationsrate zeigt schnell, was die Bewältigung hoher Mieten für Studierende zunehmend erschwert. Zur Berechnung der finanziellen Belastung, die die Inflation für einen einzelnen Haushalt bedeutet, legt das Statistische Bundesamt einen Warenkorb zu Grunde, der allerhand Konsumgüter und Dienstleistungen umfasst, die ein (vom Statistischen Bundesamt bestimmter) deutscher Durchschnittshaushalt braucht. Damit wird berechnet, wie viel Geld dieser Durchschnittshaushalt binnen eines Jahres mehr aufwenden muss, um genau die gleichen Güter konsumieren zu können. Dieser Warenkorb, der 2005 noch 2000 € kostete, wurde innerhalb von 5 Jahren um 164 € teurer.
Nun liegt es auf der Hand, dass der Warenkorb für Studierende nicht die Güter und Dienstleistungen des deutschen Durchschnittshaushaltes umfasst und ein Warenkorb von 2000€ für Studierende sehr illusorisch klingt. Studierendenhaushalte sind da wesentlich kleiner und somit auch ihre Warenkörbe. Es erscheint auch unwahrscheinlich, dass die Mietbelastung bei Studierenden lediglich 31% des Einkommens ausmacht, und dass sie ebenso viel ihres Einkommens für Hobbywaren und elektrische Geräte ausgeben wie für Nahrung. Nahrung und Mietkosten müssten bei dem Warenkorb der Studierenden wohl wesentlich mehr ins Gewicht fallen. Genau in diesen beiden Gruppen stieg jedoch die Inflationsrate in den vergangenen Jahren gewaltig. Die Auswirkungen der Inflation sind daher für Studierende deutlicher und unmittelbarer bemerkbar: Seit dem Jahr 2000 ist die Inflation für Studierende um ca. 18 % gestiegen.(Statistisches Bundesamt Deutschland http://www.destatis.de) Der BAföG-Höchstsatz wurde im gleichen Zeitraum um lediglich 22 € erhöht, auf 670 €. Bei einem Monatseinkommen von 670 € müssen also heute 120 € mehr für den gleichen Warenkorb aufgewendet werden. Einer Inflationsrate von ca. 18 % steht eine Bafög-Erhöhung um ca. 3,4 % gegenüber. Würde dabei berücksichtigt wie sich die Preise im Frankfurter Wohnungsmarkt im niedrigen Preissegment entwickelt haben, läge der Kaufkraftverlust wohl noch höher. Ungeachtet dessen wäre es schon vor zehn Jahren nicht einfach gewesen mit einem BAföG-Höchstsatz von 670 € zurechtzukommen. Die Inflation und die steigenden Mietkosten in Frankfurt machen es heute unmöglich (im Frankfurter Ostend beispielsweise lag die Mietpreissteigerung von 2009 auf 2011 alleine bei 11 % – (immobilienscout24 zitiert durch http://blogs.hr-online.de/eurozone_ostend/). Im Bundesdurchschnitt stiegen die Mieten binnen 5 Jahren nicht um einen solchen Anteil).
this isn’t even fun anymore!
Die oben beschriebenen Entwicklungen haben auf Studierende eine doppelte Auswirkung: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, für die es unmöglich wird zum Studieren in die Stadt zu ziehen. Meistens wird diese Unmöglichkeit abgefedert durch die Tatsache schon irgendwie im Umland von Frankfurt zu wohnen – wobei hier Umland durchaus eine über einstündige Anreise mit dem Auto bedeuten kann. Das Los teilweise beachtliche Strecken an die Uni zu pendeln scheint demnach weniger abschreckend als die finanzielle Belastung der horrenden Mieten und die zeitliche Belastung der Lohnarbeit, die nötig wäre, um sich das leisten zu können. Dies führt jedoch dazu, dass der spezifische biographische Bruch, der mit dem Studieren verbunden ist, wegfällt. Der Umzug in die Stadt ist nicht mehr der Bruch mit Elternhaus, Schule und Dorfgemeinschaft, sondern wird zum kontinuierlichen Ausflug, der immer wieder in den Schoß der Familie zurück führt. Die mit dem Umzug in die Stadt und in ein eigenes Leben verbundene Loslösung von Autoritäten (Eltern, Lehrer_innen, Sportvereinen usw.) und die Erfahrung der selbstständigen Organisation von Alltag und Studium werden somit zunehmend durch den Mangel an bezahlbarem Wohnraum verhindert. Damit korrespondiert die Wohnraum- und finanzielle Knappheit mit der Umstrukturierung des Studiums, die dieses zur Verlängerung der Schule mit anderen Mitteln macht. Wo die Modularisierung das befreiende Element der eigenen Organisation des Studiums verschwinden lässt, lässt die Wohnraumsituation in Frankfurt für einige das befreiende Element der Organisation des eigenen sonstigen Alltags unmöglich werden. So können tendenziell weder Studium noch Alltag nach den eigenen Interessen und Bedürfnissen gestaltet werden, sondern bleiben alten Autoritäten in neuem Gewand verhaftet.
Dies ist auf der anderen Seite aber auch eine Entwicklung, die diejenigen betrifft, die es schaffen eine Wohnung und einen Job zu ergattern. Denn während die steigenden Mieten, sinkenden Löhne und der Wertverfall des verdienten Geldes dazu führen, dass für das eigene Wohlfühlen ständig mehr Lohnarbeit zu leisten ist, führt die Umstrukturierung des Studiums dazu, dass dafür eigentlich gar keine Zeit ist. Wer ständig Praktika, Teilnahmescheine und Klausuren zu absolvieren hat, die_der muss es irgendwie schaffen dazwischen noch Miete und Essen aufzutreiben – also tendenziell die Lohnarbeit auf abends und die Wochenenden verschieben. Dass zwischen diesen beiden Jobs kaum noch Zeit für anderes bleibt ist klar und die Konsequenzen in der Stadt und für die Stadt sind jetzt schon zu sehen. Neben Produktion und Reproduktion verschwindet die Zeit für andere und interessantere Sachen. Selbstverwaltete Räume und selbstorganisierte Veranstaltungen, sowie Personen, die ihre Umwelt nicht einfach hinnehmen, sondern nach ihren Vorstellungen gestalten wollen, werden weniger, da die Zeit fehlt die Stadt und den Alltag als potentielle Spielwiese zu verstehen. Darunter leiden nicht nur die politischen und kulturellen Möglichkeiten dieser Stadt, sondern auch diejenigen, die die Möglichkeiten in die Art und Weise, wie diese Stadt funktioniert und aussieht, einzugreifen tendenziell gar nicht mehr kennen lernen können.
Sich diese Möglichkeiten wieder anzueignen erscheint uns eine Notwendigkeit, dass dazu Zeit und Raum benötigt werden offensichtlich. Da die hier beschriebenen Prozesse nicht einfach so naturwüchsig passieren, sondern Prozesse sind, an denen alle Teil haben (unabhängig vom Wollen, Nutzen oder Nachteil der Einzelnen), ist es Zeit aktiv in die Wohnraumdebatten dieser Stadt einzugreifen. Wenn es kaum bezahlbare Wohnungen, Orte zum (un)produktiven Abhängen, Räume für Konzerte, Parties und Unsinn oder Platz um sich auszuprobieren gibt, dann gilt es ihn herzustellen. Denn es ist ja nicht so, dass hier alle Häuser genutzt würden. Zahlreiche Büros stehen leer, so manche Ladenflächen finden keine Mieter_innen und in eigentlich jeder Nachbarschaft steht ein Haus, bei dem die Rollläden schon ziemlich lange unten sind und sich auch keine_r um den Garten zu kümmern scheint. Wenn der Gebrauchswert von Häusern so sehr vernachlässigt wird, ergibt sich die Möglichkeit ihn sich anzueignen und den eigenen Zwecken entsprechend zu verändern. Da Frankfurt immer voller und günstiger Wohnraum immer weniger wird, erscheint es sinnvoll uns die Räume, die vorhanden sind, zu nehmen. Der Raum und die Zeit, die sie uns geben, können es ermöglichen neue Formen von kollektivem Wohnen, Leben und Arbeiten auszuprobieren. Orte zu schaffen, in denen ein kulturelles Angebot möglich wird, das keine finanziellen Ausschlussautomatismen kennt. Da die Umstrukturierung der Stadt, in der wir leben möchten, uns tendenziell nicht mehr in dieser Stadt leben lässt, strukturieren wir die Räume in dieser Stadt nach unseren Vorstellungen um.